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- Kategorie: Schuljahr 2011/2012
- Veröffentlicht am Samstag, 19. November 2011 13:27
- Geschrieben von Team
Nach den zunehmenden Gewaltexzessen im deutschen Profifußball werden Forderungen nach einem Aussperren der gewaltbereiten Fans laut. Aber wer ist das überhaupt? Und wäre das Problem dann wirklich aus der Welt?

Für gewöhnlich ist Heribert Bruchhagen ein sehr besonnener Mensch. Als Vorstandsvorsitzender des Fußballvereins Eintracht Frankfurt hat er mit kühlem Kopf eine solide finanzielle Grundlage in seinem Verein geschaffen. Doch was er in den letzten Tagen in den Medien forderte, ist eine Mischung aus Schwachsinn und Unwissenheit, und grenzt schon an platten Populismus. Aber der Reihe nach.
Im Rahmen des DFB-Pokals spielte Borussia Dortmund vergangenen Dienstag zu Hause gegen Dynamo Dresden. Neben dem souveränen 2:0-Sieg des Meisters blieb vor allem das nicht tolerierbare Verhalten einiger Hooligans unter den 10.000 Gästefans im Gedächtnis hängen. Schlägereien mit der Polizei vor dem Spiel, Pyrotechnik und abgefackelte BVB-Schals während dem Spiel, Jagdszenen auf Dortmund-Anhänger nach dem Spiel. Einige Dresdner nutzten die Gelegenheit, um ihre Gewaltfantasien auszuleben und das Stadionumfeld zu einem Kriegsgelände zu machen.
Anderer Ort, andere Zeit, gleiches Bild: Einen Tag später trat in Frankfurt der 1. FC Kaiserslautern gegen die heimische Eintracht an. Auch bei diesem brisanten Südwest-Derby kam es zu Krawallen. Vor allem der Gästeblock viel negativ auf, in dem Bengalos gezündet und Ordner angegriffen wurden. In beiden Fällen konnte nur eine Hundertschaft der Polizei die Situation einigermaßen unter Kontrolle bringen.
Unter dem Eindruck dieser schlimmen Bilder wendete sich Bruchhagen also an die Presse. Er forderte die Deutsche Fußball Liga (DFL) dazu auf, gewaltbereite Fans in die Schranken zu weisen. Er könne sich zum Beispiel vorstellen, dass „alle Klubs keine Jahreskarten mehr an bekennende Ultras abgeben“. Wie bitte? Heribert Bruchhagen will bekennende Ultras aus den Stadien sperren, also genau den Teil der Fans, der für die fantastische Stimmung in den deutschen Stadien verantwortlich ist, um die uns die ganze Welt beneidet? Oder hat Bruchhagen den Begriff „Ultras“ einfach falsch verstanden? Schließlich sind vor allem sie dafür verantwortlich, dass der Frankfurter Anhang als einer der lautesten in der Bundesliga gilt. Ultras sind nämlich keinesfalls mit den Hooligans in einen Topf zu werfen. Ultras sind fanatische Fans, die den Kern einer Fanszene bilden und kaum ein Spiel ihrer Mannschaft verpassen. Vielmehr meinte Bruchhagen wahrscheinlich gewaltbereite Fans, also Hooligans. Gut zu vergleichen ist diese Wort-Verwechselung mit dem Thema Islam. Hier werden in den Medien die Begriffe „Muslim“ und „Islamist“ nach aller Herzenslust durcheinandergewürfelt. Dabei sind Muslime Anhänger des Islam, was Islamisten zwar auch für sich in Anspruch nehmen, mit der Religion selbst aber haben Letztere überhaupt nichts mehr zu tun, wenn sie beispielsweise das World Trade Center dem Erdboden gleichmachen. Es ist unbestritten, dass Hooligans aus den Reihen der Ultras kommen. Dennoch sind diese beiden Gruppen strikt zu unterscheiden.
Trotzdem ist es natürlich selbstverständlich, dass die Vereine über Lösungen gegen das Gewaltproblem nachdenken müssen. Schließlich verursachen die Strafen für Pyrotechnik im eigenen Stadion Kosten, für die der Verein selbst eigentlich gar nichts kann. Vorschläge wie der von Bruchhagen oder die Forderung von Hannover 96-Boss Martin Kind, dass „diese Kosten durch höhere Eintrittspreise“ aufgefangen werden sollen, können dennoch getrost ins Reich des Populismus abgeschoben werden. Würden sich diese Reformen nämlich durchsetzen, hätten wir hierzulande schon bald englische Verhältnisse: Dort kosten die Tickets so viel, dass sie nicht mehr für jeden erschwinglich sind und Stehplätze existieren nicht mehr. Somit wurde zwar neben der Stimmung auch die Gewalt aus den Stadien verbannt, doch hier zeigt sich, dass es sich bei diesen Gewaltexzessen um kein fußballerisches, sondern um ein gesellschaftliches Problem handelt. Statt im Rahmen eines Premier League Spiels prügelte man sich eben in der Londoner Innenstadt und sorgte so weltweit für Schlagzeilen.
Es bleibt also abzuwarten, wie das Gewaltproblem im Fußball gelöst werden kann. Die Gefahr ist, dass neben den eigentlichen Übeltätern vor allem unschuldige Fans unter den Sanktionen leiden werden. Bevor es aber zu einer Diskussion darüber kommt, sollten sich erst mal alle Protagonisten, allen voran Heribert Bruchhagen und Martin Kind, mit dem Thema vertraut machen, damit sie wissen, worüber sie eigentlich reden. Schade genug, dass sie das als Chef eines Profivereins bisher noch nicht getan haben.
Julian Quevedo Pütter